Ausgelesen am 23. Juli 2017

Remo Largo: Das passende Leben.

Was unsere Individualität ausmacht und wie wir sie leben können, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2017.

In „Das passende Leben“ beschäftigt sich Remo Largo mit der Frage, wie (erwachsene) Menschen so leben können, dass es ihnen gelingt, ihre individuell ausgeprägten grundlegenden Bedürfnisse, z.B. die soziale Anerkennung, dank ihrer ebenfalls individuell ausgeprägten Kompetenzen ausreichend zu befriedigen. Largo bezeichnet sich als Optimisten, das zeigt sich auch, wenn er vertrauensvoll davon ausgeht, dass die Menschen weitestgehend in der Lage sind, sich selbst zu entfalten, wenn sie von Umwelt, Gesellschaft, Wirtschaft und Bildungswesen wenigstens nicht daran gehindert oder bestenfalls darin unterstützt werden. Das Buch gestaltet sich zum Ende hin als ein Plädoyer für menschenfreundlichere Bedingungen in sämtlichen Lebensbereichen, z.B. indem politische Macht fragmentiert werden und somit für mehr politisches Engagement der Einzelpersonen sorgen soll. Und angesichts der Digitalisierungs- und Automatisierungstendenzen der Wirtschaft ist auch Largos Fazit, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen finanzierbar ist und in Zukunft überhaupt erst ein würdevolles menschliches Dasein garantieren kann. Der wohl eindrücklichste Vergleich gelingt Largo mit den Erkenntnissen zur Zoohaltung von Tieren in den letzten hundert Jahren, als man mit der Zeit einsah, dass Lebewesen ohne artgerechte Haltung und ohne passende Umwelt schlichtwegs eingehen. Da die modernen Gesellschaften für die Menschen eher künstlichen als ursprünglichen Lebensräumen entsprechen, ist die Frage, wie wir diese möglichst artgerecht und daher menschlich gestalten können. Largo sieht die Lösung unter anderem in generationenübergreifenden Lebensgemeinschaften, wie sie sich etwa in (neueren) Wohngenossenschaften bilden. Einige Kapitel schmecken ein wenig nach aufgewärmtem Altmaterial aus früheren (Baby- oder Jugend-) Jahren, auch werden stellenweise aus Volksweisheiten relativ zügig Lebensweisheiten, aber insgesamt ist der Text flüssig und stimmig durchformuliert und daher auch angenehm zu lesen. Konzepte wie „Individuum“ und „Kompetenzen“ werden nach meinem Geschmack zu wenig hinterfragt, die Forderung nach mehr Humanität jedoch ist zweifellos angebracht und gut begründet: Nur Menschen, die ein menschenwürdiges Leben führen können, sind zufriedener und verhalten sich folglich auch friedfertiger.