Jean-Michel Guenassia: Der Club der unverbesserlichen Optimisten

Roman, Suhrkamp/Insel, 2011.

Der Medici-Brunnen im Jardin du Luxembourg, Paris. (Bild: Wikipedia)

Mein liebes achtzehnjähriges Ich, auch wenn Du im Moment denkst, dass Du bei Weitem genug zu lesen hast für die Schule, solltest Du auf jeden Fall diesen Roman angehen, für Dich, fürs Leben. Mir musst Du auch nicht mit Ausreden kommen, denn ich erinnere mich gut, auch nebenbei noch genug Zeit für weniger kanonische Lektüren und weniger schlaue Unterfangen gehabt zu haben. Lasse Dich auch nicht von der Menge an Seiten einschüchtern, später wirst Du zur Überzeugung gelangen, dass Romane verdichtete Welten sind und daher am besten sehr umfangreich sein sollten, da sie ansonsten ja schlicht zu wenige Seiten hätten, um nicht zu einseitig oder gar zu oberflächlich zu sein.

Also, Du langweilst Dich schon und willst Gründe, weshalb Du den Club lesen solltest. Zunächst versammelt er mehrere Welten, die Dich interessieren: Paris, die Sechziger, den Sozialismus und andere Ideale, Rock’n’Roll, den Kalten Krieg, Jugend oder eher das Erwachsenwerden, Abenteuer, Kunst (Fotografie), Schicksalsschläge, Philosophie, Schach, Freundschaft und natürlich die Liebe. Die Hauptfigur steht wie Du vor seinem Reifezeugnis und meint genauso, schon fast alles und vieles besser zu wissen oder zumindest ein authentischeres Gefühl für die Wahrheit zu haben als andere. Er sieht und verhält sich schon viel erwachsener, als er eigentlich ist und orientiert sich immer mehr am Leben ausserhalb der zunehmend zerrütteten Familie.

Am liebsten hält er sich im Balto auf, das je nach Sichtweise einem Café, einem Bistro oder einer Brasserie gleichkommt, wo er auf wilde, geheimnisvolle, verschlossene und herzliche Charaktere trifft. Es ist eine ganz andere und mysteriöse Welt eines Clubs von russischen Exilanten, die sich Schach als Vorwand für etwas Geselligkeit in der Fremde ausgesucht haben. Alle spielen auf einem beeindruckenden Niveau, sodass Michel zunächst nur zuschaut, zuhört und lernt. Dabei nehmen die Lebensgeschichten der Spieler des Männerclubs mitsamt Ihren Verschränkungen immer mehr Gestalt an.

Michel Marini entdeckt die Fotografie und neue Motive. Die Lichtbilder zeigen die Helligkeit des sich aus Konventionen befreienden Bewusstseins und die Schatten politischer und ideologischer Unmenschlichkeit. Eben diese Gegensätze versammeln sich im Erleben der charakterlich recht unscharf gezeichneten Hauptfigur, die oft eher passiv ihr eigenes Leben zur Kenntnis nimmt, fast wie ein Kinobesucher. Dorthin, ins Kino, verirrt sich der im Gehen und sehr viel lesende Michel übrigens oft, besonders als er auf der Suche nach einer ganz bestimmten Person ist, deren Namen er nicht kennt.

Dass dieser Roman zu begeistern vermag, liegt neben dem Schauplatz, den malerischen Charakteren und den mitreissenden Erzählungen wohl vor allem am geschmeidigen Schreibstil und in diesem Fall auch an der Übersetzung, die kaum je auffällt und daher sehr gelungen ist. Obwohl ich Bücher nur selten mehrmals lese, werde ich diesen Roman dereinst noch im Original lesen wollen, denn manche Bücher sind eben um Welten immersiver und eindrücklicher als das Kino, zugleich aber ebenso unterhaltsam, schön, traurig und nicht selten auch komisch.

Die Optimisten sind keine, das Ende bleibt komplett offen, vieles kommt scheinbar nur zufällig zusammen und dennoch spiegelt diese Collage von Menschen im Umbruch wieder, wie zerrissen, wie beliebig sich das Leben oft zusammenfügt und dann im arrangierten Durcheinander völlig zufällig etwas ganz Ausserordentliches erscheint. Unbekümmert liest man bei diesem Werk vor sich hin, geniesst die stimmungsvollen Bilder vor innerem Auge und ist dann auf einen Schlag zutiefst berührt, ja durchströmt von Gefühl und Lebendigkeit.