Lenos Verlag, Basel 1990.
„Bis alles in eine Stille mündet, die ganz anarchisch ist.“
Aphorismen lese ich nahezu so gerne wie Gedichte an einem stillen Ort und erlebe es als persönliche Teilhabe an der Anarchie, wenn ich, während ich etwas grösstenteils enorm Nutzloses produziere und damit eben gerade dem Gedanken der Produktivität zuwiderhandle und es deshalb schon hie und da als kreativen Akt erachte, mich mit fremden Gedanken befasse, dem Kontraste wegen eben gerne auch mit schönen oder zumindest schön formulierten Gedanken, die ja gerade heutzutage den meisten so gänzlich sinnlos und vermeintlich nutzlos erscheinen. Im Sinne Nietzsches gönne ich mir diese Seelenbisse eben nur häppchenweise, ja geradezu häufchenweise, und da zum körperlichen Stoffwechselprozess im übertragenen Sinn das geistige Delektieren von solchen Texten konträr ist, aber auch komplementär zusammenpasst, dauert die Schmökerei halt jeweils nur so lange man sitzt. So zieht sich der Verzehr eines solchen an sich gar nicht so voluminösen Bändleins ganz schön in die Länge, trotz der einen oder anderen Sessionsverlängerung, was aber auch wie gesagt trefflich resoniert mit der Resorbtionszeit an intellektuellem Brennwert angereicherter Texte. Einzelne wiederum passen dann aber eher wieder sinnfällig zu den fallenden Endprodukten, die mir dann wörtlich auch als Urteil entfahren, wenn ein Staatsabführer des jüngeren Chinas gelobhudelt wird. Doch sind es eben die wie gemeisselt anmutenden Kompositionsperlen, die gerade in einer an sich dem Kompost nähergelegenen Lokalität und in dessen stiller Trostlosigkeit umso mehr aufscheinen und umso mehr trostreich sich noch veredeln mit jedem neuen Lesen, als ob man sie im Mund zergehen lassen wollte und anstatt eines feinen Abgangs erhält und steigert sich ein geschmackvolles Erlebnis von Denkweite. Eben angesichts der konträren Beispiele solch einer disparaten Textsammlung und eingedenk des wenig spektakulären Ortes ihres Verzehrs. Gerade jener Gedankengang, dessen Titel auch dem Bändchen den seinen entliehen hat, ist ein ebensolches. Der Tendenz nach sind jene bewusstseinsgerechten Stücke, die sich den lange anhaltenden Themen wie der Menschheit an sich annehmen, die besonders schmackhaften. Jene hingegen, die sich den eher kurzfristigen Produkte und Ideen dieser Menschheit widmen, wiederum eher wenig erfreulich und ihnen ereilt dasselbe Schicksal wie den verstoffwechselten Menschprodukten, das reinigende Vergessen spült sie weg und nur ein feiner Geruch erinnert daran, dass auch wohlduftende Rosen im Dunkeln und Dumpfen wurzeln. Aber das Gefühl, wenn der Deckel zuklappt, ist doch einer der erleichterten Lebendigkeit, so dass selbst in Banalitäten noch so viel Sinn erkannt werden kann und man sagen kann, dass sich das Ausbrüten all dieser Gedanken gelohnt hat.