James S. A. Corey: The Expanse, 9 Bücher, Orbit Books 2011-2021, Heyne 2012-2022

Über fünftausend Seiten umfassen alle neun Romane des Autoren-Duos Daniel Abraham und Ty Franck in der englischen Ausgabe. Zeitlich spielt die Reihe in nicht allzu ferner Zukunft, wobei vom ersten zum letzten Roman mehrere Jahrzehnte vergehen und viele Charaktere bedeutend älter werden.
Überhaupt zeichnet sich diese Art von Science-Fiction durch einen besonders ausgeprägten Realismus aus, weshalb bei Expanse oft von Hard Sci-Fi gesprochen wird. Nur zwei fantastische Elemente zeichnen das fiktive Universum aus, deren künftiges Eintreten im einen Fall wahrscheinlich und im anderen durchaus möglich ist. Ansonsten funktioniert diese Welt – ursprünglich war die Geschichte als Plot für ein Computerspiel gedacht – nach den gleichen Gesetzen wie unsere, vor allem wurden die Gravitationskräfte durchwegs berücksichtigt, weshalb die Erzählung besonders glaubwürdig und mitunter sogar prophetisch wirkt.
Die Menschheit hat Mond und Mars kolonisiert. Der Mars hat sich die Unabhängigkeit von der Erde errungen und dank des besonders wirksamen Epstein-Antriebs ist es gelungen, den Asteroidengürtel und die äusseren Planeten zu erreichen. Doch auch diese Fraktion will die Unabhängigkeit von den „Inneren“ erlangen.
So stehen sich zahlenmässig überlegene Terraner, technologisch fortschrittliche Marsianer und kommunitaristische Gürtler mit eigener Sprache misstrauisch und unverhohlen feindseelig gegenüber, als es nach dem Abschuss eines Raumschiffs zu Spannungen kommt. Nur die bunte Schicksalsgemeinschaft um James Holden kann die Zerstörung der „Canterbury“ bezeugen und bringt mit der systemweiten Verbreitung dieser Nachricht einige Konflikte ins Rollen und sich selbst in Gefahr.
Hinzu kommt, dass auf einem Asteroid ein fremdartiger Organismus entdeckt wird, der ähnlich einer Krankheit die Menschen befallen, sie verändern und töten kann. Natürlich versuchen nicht wenige, dieses „Protomolekül“ als Waffe oder zumindest zu ihrem Vorteil zu nutzen. Es ist dieses Ungeheuerliche (der Leviathan), das alles verändert und die Menschheit auf die Probe stellt. Acht Bücher der Reihe handeln eigentlich nur von den Folgen der Ereignisse im ersten Buch, werden dabei aber niemals langweilig oder platt.
Besonders lesenswert sind diese fünftausend Seiten, da immer wieder ethische Fragen thematisiert werden, die uns auch heute beschäftigen und die im Zerrspiegel der Fiktion überhaupt erst ins Licht der Aufmerksamkeit gerückt werden. Die Charaktere sind meist derart vielschichtig und authentisch beschrieben, dass man ihre Entwicklung stets mitverfolgen möchte. Die Bücher selbst sind mit unterschiedlichen Stilmitteln geschrieben, die gekonnt aus anderen Genres entlehnt wurden. Auf den Noirroman folgt ein Politthriller und auf diesen ein Western, und so weiter.
Die Handlung wird durch die Kooperation der Autoren unerbittlich vorangetrieben, entsprechend blättert man nur noch staunend und hingerissen Seite um Seite um. Während einem Jahrzehnt entstand ein unglaublich gut geschriebenes Epos, das geradezu homerisch packend von Individuen erzählt und dabei spielerisch die grossen Fragen der Menschheit aufwirft, ohne sie tatsächlich zu stellen.
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