Eine andere Gegenwart mit etwas mehr Zukunft

Kim Stanley Robinson: Das Ministerium für die Zukunft, Heyne 2021

Das Wasser ist ein Zufluchtsort während der Hitze. Bild: Rohan Reddy, Unsplash.

Frank arbeitet als Entwicklungshelfer in einer indischen Stadt. Als er zu sich kommt, ist er weitum der einzige Überlebende einer Hitzewelle, die alle bisherigen in den Schatten stellt und die den Menschen klarmacht, dass der Klimawandel noch zu ihren Lebzeiten bedrohlich werden wird. Nach und nach werden verschiedene Massnahmen ergriffen und zum Teil drastische Entscheide gefällt, um den Ausstoss von Treibhausgasen und die Zerstörung von Lebensräumen zu vermindern oder sogar wieder rückgängig zu machen.

Verantwortlich für die Koordination der globalen Aktivitäten ist das neu geschaffene Ministerium für die Zukunft in Zürich. Ein grosser Teil des Buches spielt demnach im neutralen Alpenland und beschreibt es überzeugend, was nicht überrascht, da der Autor in den Achtzigerjahren selbst in der Schweiz gelebt und vermutlich den „Kafi fertig“ liebgewonnen hat oder dies zumindest der Hauptfigur Mary zuschreibt. Frank und Mary sind aber nur zwei wichtige von sehr vielen Stimmen des Romans über eine alternative Gegenwart und die nahe Zukunft.

Der polyphone Aufbau des Gesamttextes wird kapitelweise auch stilistisch vielfältig mitgetragen, was es den Lesenden aber bisweilen nicht immer einfach macht, der Erzählung treu zu bleiben und zu folgen. Die Versuchung, einzelne Passagen zu überspringen ist manchmal gross, lohnt sich aufgrund der dadurch verpassten Ideen jedoch meistens nicht. Globale Probleme und deren Lösungen sind vielschichtig, insofern werden die Schreibweisen dieser Tatsache gerecht und bieten viele Momente der Reflexion. Bei protokollartigen Teilsatzkapiteln muss man sich allerdings schon etwas durcharbeiten.

Zur zweiten Hälfte hin wird das Buch lesefreundlicher und insgesamt weniger düster. Ganz so dystopisch wie zunächst befürchtet gestaltet sich unser fiktiv vorweggenommenes Jahrhundert dann doch nicht aus. Besonders interessant ist, dass Lösungswege auf allen Ebenen aufgezeigt, also etwa auch Ansätze für mehr globale Gerechtigkeit und das zukünftige Finanzwesen thematisiert werden. In narrativer Verpackung macht der Autor mit zahlreichen Theorien und ihrer (möglichen) praktischen Umsetzung vertraut. Wie liesse sich eine globale Währung an die Reduktion des Kohlenstoffausstosses binden und ist Carboncoin überhaupt ein guter Name dafür? Wie könnten sinnvolle Schutzgebiete und Lebensraumkorridore geschaffen werden, damit sich die Natur erholen kann?

Dieses Buch zeigt unmissverständlich auf, dass so rasch wie möglich Veränderungen veranlasst werden müssen, damit die Menschheit eine Zukunft hat. Eine Notwendigkeit, die angesichts der noch andauernden Pandemie und des aktuellen Krieges in Europa leider allzu leicht vergessen wird. Diese Ereignisse waren weniger wahrscheinlich als die künftigen Klimakrisen und daher für Robinson weniger vorhersehbar. Doch auf dem indischen Subkontinent zeichnet sich nun gerade genau das ab, was er noch als zukünftiges Szenario beschrieben hat: Seit Monaten ist es in vielen Ländern deutlich zu heiss und der eigentliche Hitzemonat steht vielerorts erst noch bevor.

Wollen wir hoffen, dass sich das Geschehen in der wirklichen Gegenwart weniger tragisch ausgestaltet, die Weltgemeinschaft aber dennoch dazu bewegt wird, endlich individuell und kollektiv die Verantwortung für alles (verbliebene) Leben auf dem Planeten zu tragen und – im Gegensatz zum Roman – auf rein friedfertige Weise der Menschheit eine Zukunft zu ermöglichen, die diesen Namen verdient, mit oder ohne Ministerium.

Die deutsche Übersetzung auf der Seite von Heyne / Random House

Rekordtemperaturen in Indien, Tages-Anzeiger vom 3. Mai 2022