Philipp Blom: Die Welt aus den Angeln

Eine Geschichte der Kleinen Eiszeit von 1570 bis 1700 sowie der Entstehung der modernen Welt, verbunden mit einigen Überlegungen zum Klima der Gegenwart

Sachbuch, dtv, München 2018.

Typisches Gemälde einer winterlichen Szene im 17. Jahrhundert von Hendrick Avercamp – Quelle: Wikipedia

Ein weiteres Buch von Philipp Blom; und es wird sehr wahrscheinlich nicht das letzte sein, denn auf so angenehm vermittelte Weise will man sich doch stets gerne weiterbilden. Mehr noch als in „Böse Philosophen“ verbindet der Autor mit unveränderter Eleganz im Stil und fraglos beeindruckender Belesenheit auch dieses Thema und dazu noch eindringlicher mit der aktuellen Gemütslage der heutigen Zeit.

Und die Fragestellung ist ja zweifellos sehr interessant: Wie wirkt sich eigentlich eine Klimaveränderung (wie die kleine Eiszeit) auf die Menschen aus? Ohne zu viel aus dem Buch vorweg nehmen zu wollen, kann man behaupten, dass eine klimatische Veränderung, besonders wenn es sich um eine Krise handelt, die Menschen dazu bringt oder vielmehr zwingt, sich den neuen Bedingungen anzupassen, was unweigerlich zu gesellschaftlichen Umwertungen führt. Natürlich überrascht diese Erkenntnis im Anschluss an die Lektüre der im Buch beschriebenen Entwicklungen nun nicht allzu sehr, aber sie kann einen Anhaltspunkt darstellen für Überlegungen, wie sich die gegenwärtige Krise der messbaren Erwärmung global und regional auswirken könnte. Die Menschheit wird sich anpassen (müssen) und dies wird unweigerlich dazu führen, dass es so wie bis anhin nicht weitergehen wird. Sowohl gewohnte Annehmlichkeiten wie auch Unzulänglichkeiten werden ziemlich sicher dem Wandel anheim fallen, womöglich nicht alle, aber auch nicht wenige. Meine Überlegungen sind ominös und zu wenig fassbar. Herr Blom schafft viel mehr Klarheit, wenn er den historisch gewachsenen Status Quo der heutigen Gesellschaft in all ihren Aspekten sehr eindrücklich und nachvollziehbar im äusserst lesenswerten Epilog erfasst. Überhaupt möchte ich vor allem diesen Teil des Buches als unerlässlich bezeichnen und zum Nachlesen empfehlen, auch wenn er mit einem eher pessimistischen Fazit schliesst, das selbst für meinen Geschmack die Zukunft etwas gar düster ausmalt.

Das Buch ist als Klimageschichte wirklich spannend und enthält viel Ungeahntes, dies aber nur etwa bis Seite 60. Dann folgt so etwas wie eine biografische Geistesgeschichte insbesondere von Europa im ausgehenden 16. und im 17. Jahrhundert, die sich mal mehr und recht oft weniger an den roten Faden „Klima“ hält, wenn auch die Ausführungen sehr lehrreich und ansprechend geschrieben sind. Erst gegen Ende des Buches wird das Kernthema wieder explizit aufgegriffen und dann aber gekonnt mit dem porträtierten Personal in Verbindung gebracht. Besonders anregend sind die Gemälde, die auch mit scharfem Auge beschrieben und erhellend gedeutet werden. Gerade deswegen würde ich die gebundene Ausgabe nahelegen, die auch bunte Illustrationen enthält, was nebst dem schönen Buch einen echten sinnlichen Mehrwert darstellt. Persönlich habe ich ein besseres Verständnis für die im ausgiebigen Untertitel angegebene Auswirkung der klimatischen Bedingungen auf die Moderne in fast allen Gesellschaftsbereichen gewonnen. Zudem erhärtet sich mein Eindruck, dass es wohl nur eine verlässliche Konstante der Geschichte gibt: Es kommt oft anders, als man denkt, denn die Menschen sind insgesamt sehr viel wandlungsfreudiger als ihr Ruf:

„Der einzige Unterschied zwischen uns und anderen Tieren besteht darin, dass Homo sapiens nicht ausschliesslich auf genetische Anpassung angewiesen ist, sondern durch seine Kulturtechniken und durch Ideen die Evolution beschleunigen kann.“ – Epilog, Seite 235.

Ausgelesen am 21. Oktober 2018

Philipp Blom: Böse Philosophen. 

Ein Salon in Paris und das vergessene Erbe der Aufklärung. Carl Hanser Verlag, München 2011.

In „Böse Philosophen“ (eigentlich „A wicked company“, was als Originaltitel dem Inhalt viel besser entspricht) beleuchtet Philipp Blom die andere, die vergessene und radikalere Seite der Aufklärung, wie sie unter anderem im Pariser Salon von Holbach gepflegt und oft unter Pseudonymen in später nicht selten verbotenen und verbrannten Werken an die Öffentlichkeit gelangte. Das Buch beginnt mit der Suche nach der Adresse zum Haus des Salons und könnte insgesamt als Rehabilitierung des Werkes und der Person Diderots oder aber genauso gut als Relativierung der Genialität Rousseaus gelesen werden. Vor allem aber zeigt der Autor, dass in der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts einige Geister bereits viel offener, menschlicher und aufrichtiger dachten, als es die meisten heute wagen. Die europäische Ideengeschichte, zumindest so wie ich sie gekannt habe, wird durch diesen interessant geschriebenen Text bereichert und ergänzt, vor allem, was die Einschätzung der Bedeutsamkeit zentraler Persönlichkeiten der französischen Aufklärung betrifft. Nicht wenige Stellen lassen einen beim Lesen innehalten und nachdenken, lassen die Gegenwart aus historischer Perspektive plötzlich anders und bestimmt auch etwas klarer erscheinen. Bei mir hat dieses Buch die Lust auf mehr von Blom geweckt, und da gibt es ja einiges, was sehr vielversprechend klingt. Die deutsche Fassung enthält recht viele Druckfehler, so dass ich beim zweiten Verzehr eher die englische Ausgabe delektieren würde. Das Titelbild „Three Persons Viewing the Gladiator by Candlelight“ von Joseph Wright of Derby allerdings ist beim deutschen Taschenbuch eindeutig geschickter gewählt.